• Juliana Bhardwaj

Der Getränke-Check: die Methode

Aktualisiert: 8. Feb.

Science News 05: Der SIPCAN-Getränke-Check: Eine Public-Health-Strategie zur schrittweisen Zuckerreduktion in Getränken.


Weltweit wird ein wachsender Konsum gesüßter Getränke verzeichnet. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen trägt die hohe Energieaufnahme durch zuckerhaltige Getränke erwiesenermaßen zu steigenden Prävalenzen von Übergewicht, Adipositas und nichtübertragbaren Zivilisationskrankheiten bei. Mit dem Konsum großer Mengen zuckerhaltiger Getränke können beträchtliche Kalorienmengen aufgenommen werden. Um den Energiegehalt zu reduzieren, werden in vielen Produkten Süßstoffe eingesetzt. Dabei zeigen zahlreiche Studien aber auch Zusammenhänge zwischen dem Konsum süßstoffhaltiger Getränke und einem erhöhten Übergewichts- und Krankheitsrisiko. Durch den Konsum von Zucker und Süßstoffen findet außerdem eine zunehmende Gewöhnung an ein entsprechend hohes Süßlevel statt. Dies kann das Geschmacksempfinden dahingehend beeinflussen, dass süße Lebensmittel und Getränke allgemein mehr und mehr präferiert werden.


Um den negativen Gesundheitsauswirkungen durch den Konsum zucker- und süßstoffhaltiger Getränke entgegenzuwirken, sind Strategien zur Verringerung des Zucker- und Süßstoff-gehalts von Getränken dringend erforderlich. In Österreich konnte der durchschnittliche Zuckergehalt in Getränken mithilfe des SIPCAN-Getränke-Checks, einer Public-Health-Strategie zur schrittweisen Zuckerreduktion in Getränken, stark gesenkt werden.


Methode

* Schrittweise Zuckerreduktion

Ein Ansatz zur Senkung der Zuckeraufnahme ist, den Zuckergehalt in Getränken schrittweise zu reduzieren, ohne diesen durch den Einsatz von künstlichen Süßstoffen zu kompensieren. Konsumenten wird dadurch eine gesündere Getränkeauswahl geboten. Eine schrittweise Zuckerreduktion nimmt zweifellos mehr Zeit in Anspruch als andere Strategien, bietet Konsumenten aber die Möglichkeit sich nachhaltig an eine geringere Süße zu gewöhnen und gibt der Getränkeindustrie ausreichend Zeit für entsprechende Produktadaptierungen.

* Orientierungshilfe zur Getränkeauswahl

Die große Auswahl verschiedener Getränke mit unterschiedlichem Zuckergehalt lässt Konsumenten leicht den Überblick darüber verlieren, welche Produkte gute Durstlöscher sind und durch welche dem Körper zusätzlich große Mengen an freiem Zucker zugeführt werden. Die vom vorsorgemedizinischen Institut SIPCAN entwickelte Maßnahme mit dem Titel »SIPCAN-Getränke-Check« setzt auf eine einfache, aber klare Orientierungshilfe zur Produktauswahl.


Damit ein Getränk den aktuellen SIPCAN-Kriterien entspricht, dürfen maximal 6,7 g Zucker pro 100 ml und keine künstlichen oder natürlichen Süßstoffe enthalten sein. Der Zuckergrenzwert basiert auf der Empfehlung der WHO, die Aufnahme an freiem Zucker auf unter 10 Energieprozent zu reduzieren. Als ursprünglicher Zuckergrenzwert wurde im Jahr 2010 ein Zuckergehalt von maximal 7,4 g pro 100 ml festgelegt. Dieser Grenzwert war von 2010 bis 2018 gültig. Durch den sich abzeichnenden Erfolg konnte der Grenzwert mit September 2019 auf 6,7 g Zucker gesenkt werden.


Neben den beiden Hauptkriterien zum Zucker- und Süßstoffgehalt wird empfohlen, weitere Inhaltsstoffe wie Koffein und Teein zu beachten. Auch die Portionsgröße sollte berücksichtigt werden. Speziell bei Getränken, die nicht den SIPCAN-Kriterien entsprechen (inkl. Sport- und Energy Drinks), soll darauf geachtet werden, dass diese in möglichst kleinen Portionsmengen (0,25 l oder kleiner) konsumiert werden.


Ausgehend vom schulischen Setting wird seit 2010 im Rahmen einer bundesweiten Langzeitstudie jährlich der Zuckergehalt in Getränken erhoben. Die Erhebung erfolgt in Lebensmittelgeschäften sowie im direkten Austausch mit nationalen und internationalen Getränkeproduzenten. Die Erhebungsergebnisse werden mit dem „SIPCAN-Getränke-Check“ vergleichbar gemacht, indem alle erhobenen Produkte den Orientierungskriterien entsprechend in vier verschiedene Kategorien, sogenannte »Listen« (Liste A bis D), eingeteilt werden. Auf ideale Durstlöscher wie Wasser wird in Liste A allgemein hingewiesen, ohne spezifische Produkte zu nennen. In Liste B sind all jene recherchierten Produkte namentlich angeführt, die den SIPCAN-Kriterien (max. 6,7 g Zucker pro 100 ml sowie keine Süßstoffe) entsprechen. In Liste C sind jene Produkte zu finden, bei denen der Zuckergehalt über 6,7 g/100 ml liegt und die damit einen zu hohen Gesamtzuckergehalt aufweisen. In Liste D befinden sich Produkte, die Süßstoffe enthalten.


Der SIPCAN-Getränke-Check richtet sich an Konsumenten, Multiplikatoren, Fachpersonal und die Getränkeindustrie. Sie steht der Öffentlichkeit als mobile SIPCAN-App, als Online-Check mit Suchfunktion und als Downloaddatei kostenlos zur Verfügung. Mit Hilfe des SIPCAN-Getränke-Checks soll ohne Verbote, Reglementierungen oder zusätzliche Steuern in Bezug auf zuckerhaltige Getränke die gesündere Wahl zur leichteren werden.


Ergebnisse

Mithilfe des SIPCAN-Getränke-Checks konnte der durchschnittliche Zuckergehalt in Getränken auf dem österreichischen Markt seit dem Jahr 2010 signifikant von 7,53 g pro 100 ml auf 6,01 g pro 100 ml gesenkt werden. Dies entspricht einer Reduktion von 20,19 %. Der Anteil süßstoffhaltiger Getränke sank in diesem Zeitraum von zwischenzeitlich 20,7 % auf aktuell 12,5 %.


Durch beständige und offene Zusammenarbeit mit Getränkeherstellern, Ministerien und der Öffentlichkeit wurde ein zunehmender Anteil an Getränken auf freiwilliger Basis den SIPCAN-Kriterien angepasst. Deutliche Veränderungen des Sortiments sowie der Produktzusammensetzungen können beobachtet werden: mehr neue und adaptierte Getränke mit weniger zugesetzten Zuckern und Süßstoffen wurden auf den Markt gebracht.


Schlussfolgerungen

Die Herausforderung besteht darin eine langfristige Zuckerreduktion zu erreichen, die einerseits für die Industrie machbar ist und andererseits von den Konsumenten akzeptiert wird. Dies ist mit der gewählten Methode gelungen. Die steigende Anzahl der den SIPCAN-Kriterien entsprechenden Getränke auf dem österreichischen Markt zeigt, dass die Zusammenarbeit mit der Industrie auch ohne gesetzliche Vorgaben gut funktionieren kann.


Die erfolgreiche Umsetzung dieser graduellen Zuckerreduktion könnte damit wegweisend für andere Länder sein.


Durch die konsequente Fortsetzung dieser Public-Health-Strategie soll das Angebot auch zukünftig schrittweise verändert und der Orientierungswert für Zucker in Getränken weiter gesenkt werden.



Quellen:

Bhardwaj J, Schätzer M, Moser N, Gutmann N, Schätzer J, Hoppichler F. Graduelle Zuckerreduktion in Getränken – Best Practice für eine Public-Health-Strategie. internistische praxis, 2021; Band 63/03, Seite 537-549. >> Fachartikel


Luger M, Winzer E, Schätzer M, Dämon S, Moser N, Blagusz K, et al. Gradual reduction of free sugars in beverages on sale by implementing the beverage checklist as a public health strategy. Eur J Public Health 2018; 28: 961-967. >> Publikation


Zitierung:

SIPCAN, Der SIPCAN-Getränke-Check: Eine Public-Health-Strategie zur schrittweisen Reduktion des Zuckergehalts in Getränken. SIPCAN Science News 2021, April; 5.


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