Adipositas-Therapie bei Kindern: Wie gut ist Österreich aufgestellt?

Eine aktuelle SIPCAN-Erhebung gibt Einblick in die Therapieangebote für Kinder und Jugendliche mit Adipositas. Ernährung ist dabei die häufigste Säule – gleichzeitig zeigen sich Lücken bei psychologischer und bewegungstherapeutischer Begleitung, Finanzierung und Qualitätssicherung.

Pflanzlicher Boom mit wachsender Bedeutung
Adipositas ist bei Kindern und Jugendlichen in Österreich weit verbreitet. Gleichzeitig kann es für betroffene Familien schwierig sein, ein passendes Therapieangebot zu finden. Wie die Versorgung aktuell aussieht, hat SIPCAN im Frühjahr 2026 erneut erhoben. Befragt wurden österreichweit 81 Fachexpert*innen bzw. Institutionen, die therapeutische Angebote für übergewichtige oder adipöse Kinder und Jugendliche umsetzen – vor allem in privaten Praxen, klinischen Ambulanzen oder Beratungseinrichtungen.
Ernährung steht im Mittelpunkt
Die Ernährungstherapie ist Bestandteil in acht von zehn Angeboten und damit die häufigste therapeutische Maßnahme. Psychologische bzw. psychotherapeutische Maßnahmen sind bei fast jedem zweiten Angebot integriert, Bewegungstherapie bei gut jedem dritten. Dies spiegelt sich auch in der Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen: In drei von vier Einrichtungen sind mehrere Professionen beteiligt. Besonders häufig sind Diätolog*innen und Ärzt*innen eingebunden. In knapp jedem zweiten Angebot wird zudem mit weiteren Fachkräften in einem regionalen Netzwerk zusammengearbeitet.
„Die Ursachen der Adipositas sind vielschichtig, daher braucht es für eine erfolgreiche Therapie – wie bei Erwachsenen – auch bei Kindern eine multiprofessionelle Herangehensweise. Ernährung, Bewegung und psychologische Aspekte müssen zusammengedacht und die individuelle Situation sowie besonders das familiäre und soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt werden.“
(Juliana Bhardwaj, MSc, Ernährungswissenschafterin und Studienleiterin von SIPCAN)
Individuelle und langfristige Betreuung
Die Therapie ist überwiegend individuell ausgerichtet. Beinahe alle Einrichtungen bieten heute Einzeltherapien an, Gruppentherapien sind bei mehr als jedem dritten Anbieter möglich. Positiv ist jedenfalls auch der Fokus auf eine längerfristige Begleitung: Bei etwa 9 von 10 Angeboten wird die Therapiedauer individuell gestaltet. Mehr als 8 von 10 bieten darüber hinaus nach Abschluss der Therapie eine Nachbetreuung an. Dieser Anteil ist gegenüber früheren Erhebungen kontinuierlich gestiegen.
Auch die Familie und das soziale Umfeld wird in mehr als drei von vier Einrichtungen in der Therapie berücksichtigt. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist das von großer Bedeutung, da Ernährungs- und Bewegungsverhalten dadurch wesentlich mitgeprägt werden.
Für Hilfesuchende ist der Zugang zu den Angeboten zeitlich zumindest unkompliziert: Bei neun von zehn Einrichtungen kann jederzeit mit einer Therapie begonnen werden.
Finanzierung und Qualitätssicherung als Herausforderungen
Eine passende Therapie muss auch finanzierbar sein. Bei etwa zwei Drittel der Einrichtungen sind private Selbstzahlungen bzw. Mitfinanzierungen durch die Betroffenen notwendig – das kann eine wesentliche Zugangshürde darstellen. Krankenkassen beteiligen sich finanziell bei gut nur einem Drittel der Angebote, öffentliche Mittel bzw. Fördergeber bei knapp jedem fünften.
Handlungsbedarf gibt es auch bei der Qualitätssicherung. Denn nur 6 von 10 Einrichtungen geben an, nach evidenzbasierten wissenschaftlichen Leitlinien zu arbeiten. Eine Ergebnisevaluierung führen zwei von drei Anbietern durch, eine Evaluierung der Therapieprozesse hingegen nur vier von zehn.
„Die Erhebung zeigt, dass sich die Versorgungslandschaft für adipöse Kinder und Jugendliche in vielen Bereichen weiterentwickelt hat. Gleichzeitig macht sie sichtbar, dass für eine nachhaltig erfolgreiche Adipositastherapie noch deutliches Potenzial besteht – etwa bei der flächendeckenden Umsetzung evidenzbasierter Leitlinien und der Qualitätssicherung.
Zur Unterstützung der Therapieeinrichtungen benötigt es aber auch mehr öffentliche Finanzierung. Zudem sind gerade sozial benachteiligte Familien häufiger von Adipositas betroffen.“
(Dir. Prim. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hoppichler, Vorstand von SIPCAN)
Adipositas-Hilfe-Kompass: Therapieangebote leichter finden
Um Familien zumindest die Suche nach einer Therapiemöglichkeit bzw. einer Kontaktadresse in der Nähe zu erleichtern, wurde von SIPCAN der Adipositas-Hilfe-Kompass erstellt. Alle Einrichtungen, die einer Veröffentlichung ihrer Angaben zustimmen, werden dort auf der SIPCAN-Website angeführt: www.sipcan.at/adipositas-hilfe-kompass
Gleichzeitig soll dieser auch die Vernetzung von Fachexpert*innen unterstützen.
Im Fokus Bericht
Alle Details der Erhebung, die seit 2005 bereits mehrfach durchgeführt wurde, können im neuen SIPCAN Im Fokus Bericht nachgelesen werden. Die Ergebnisse geben einen Überblick über die teilnehmenden Einrichtungen, stellen jedoch keine vollständige Erfassung sämtlicher Therapieangebote in Österreich dar.
IM FOKUS: Therapieangebote in Österreich für Kinder und Jugendliche mit Adipositas (09.2026) >> Weiter zu im IM FOKUS
Presseinformation, 09.09.2026: Adipositas-Therapie bei Kindern in Österreich: Wer behandelt, wer zahlt?




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