HEAL statt Reparaturmedizin: Internationales Konsortium fordert Paradigmenwechsel
- Sabine Dämon

- 21. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Die weltweite Gesundheitskrise verschärft sich seit Jahren – trotz moderner Medizin und wachsender Gesundheitsausgaben. Ein internationales Expert*innen-Panel fordert nun einen grundlegenden Wandel, rasches Handeln und unmittelbare Umsetzung. Im Mittelpunkt steht das Konzept „HEAL“ – gesunde Ernährung und aktive Lebensweise als neuer Mindeststandard für Gesundheit, Bildung und Politik.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und andere Zivilisationserkrankungen verursachen heute rund 75 % aller Todesfälle weltweit. In Europa liegt dieser Anteil sogar bei etwa 90 %. Ein internationales Konsortium aus 64 Expert*innen von fünf Kontinenten – darunter auch Manuel Schätzer von SIPCAN – fordert nun einen grundlegenden Wandel in Medizin, Bildung und Gesundheitspolitik. In zwei neu publizierten Konsens- und Policy-Reports präsentieren die Wissenschafter*innen einen klaren Fahrplan: Weg von einer krankheitsorientierten Reparaturmedizin – hin zu einem präventionsorientierten, menschenzentrierten Gesundheitssystem. Im Mittelpunkt steht dabei ein einfaches, aber wirkungsvolles Konzept:
HEAL – Healthy Eating & Active Living.
HEAL: Gesunde Ernährung und Bewegung als Fundament
HEAL beschreibt die Kombination aus einer vollwertigen, überwiegend pflanzlichen Ernährung (idealerweise vegetarisch oder vegan) und täglicher Bewegung im Freien (inklusive aktiver Mobilität wie Gehen oder Radfahren zur Fortbewegung) als Mindestempfehlung für den Alltag und als Standard in Medizin und Gesundheitswesen. Denn gerade die Kombination dieser beiden Faktoren ist besonders wirksam: Ernährung und Bewegung entfalten gemeinsam stärkere gesundheitliche Effekte als isolierte Einzelmaßnahmen – das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen sinkt deutlich, die Lebensqualität verbessert sich und die Belastung der Gesundheitssysteme wird reduziert.
Vorrang für Prävention und Fokus auf Bildung
Ein zentrales Anliegen der Reports ist die klare Priorisierung von Prävention vor Therapie. Das Expertengremium legt dafür 101 Konsenserklärungen mit einem 10‑Punkte-Plan für Politik und Entscheidungsträger vor – mit konkreten Handlungsmaßnahmen von individuellem Verhalten bis hin zu Veränderungen auf Bevölkerungsebene. Gesundheit wird dabei nicht ausschließlich als individuelle Verantwortung gesehen. Vielmehr brauche es politische und strukturelle Rahmenbedingungen, die gesundes Verhalten ermöglichen und erleichtern – wie gesundheitsförderliche Lebensräume z.B. durch bessere Verpflegungsstandards in öffentlichen Einrichtungen.
Besonders deutlich wird der Report auch beim Thema Bildung. Gesundheitskompetenz soll nicht länger optional sein, sondern fixer Bestandteil des Bildungssystems werden.
Wichtige zentrale Sofort-Maßnahmen:
HEAL als Mindestempfehlung und Startpunkt in der Primär-Prävention etablieren.
Lebensstilbezogene Gesundheits-Beratung vor routinemäßiger Verordnung von Medikamenten als Erstmaßnahme verankern.
Priorität von Prävention gegenüber Behandlung von Erkrankungen im Verhältnis 3:1.
Lebensstil-Bildung an Schulen verpflichtend machen; HEAL in gesundheitsrelevanten tertiären Studiengängen verankern.
Fachkräfte in Medizin, Gesundheit und Bildung kontinuierlich für evidenzbasierte Lebensstil-Beratung/-Monitoring weiterqualifizieren.
„Nachhaltige Gesundheit ist zwar kostenlos, lässt sich aber weder herunterladen noch verordnen – sie muss täglich gelebt und durch fundierte und bewusste Lebensentscheidungen erworben werden. Da in der Kindheit verankerte Gesundheitskompetenzen ein Leben lang wirken, ist die Verankerung von HEAL als Startpunkt auf allen Bildungsebenen von Primar-, Sekundar-, bis tertiäre Bildung die gesundheitspolitische Priorität unserer Generation.“
Studienkoordinatorin Katharina Wirnitzer | PH Tirol, Universität Innsbruck, CCCTIM, Charité Universitätsmedizin Berlin
“Gesundheitskompetenz entsteht nicht zufällig – sie muss systematisch gelernt und gelebt werden. Wenn wir Ernährung und Bewegung nicht verbindlich im Bildungssystem und Alltag verankern und gleichzeitig gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen schaffen, verpassen wir einen der wirksamsten Hebel für die Gesundheit der Bevölkerung.”
Manuel Schätzer | SIPCAN
Der Wandel muss jetzt beginnen!
Die Botschaft der internationalen Expert*innen ist eindeutig: Die globale Gesundheitskrise lässt sich nicht allein mit mehr Medikamenten und mehr Behandlung lösen. Entscheidend ist ein Wandel hin zu einem präventiven, lebensstilorientierten Gesundheitssystem. HEAL – Healthy Eating & Active Living – könnte dabei zu einem neuen Mindeststandard werden:mehr Bewegung, mehr pflanzliche Ernährung, mehr Gesundheitsbildung und mehr Prävention im Alltag. Nicht als kurzfristiger Trend, sondern als langfristige Grundlage für eine gesündere Gesellschaft.
Presseaussendung der PH Tirol:
Publizierte Reports:
Wirnitzer KC, Motevalli M, Tanous DR, Drenowatz C, Moser M, Cramer H, Rosemann T, Wagner K-H, Michalsen A, Knechtle B, Fras Z, Marques A, Fidler Mis N, Stanford FC, Schubert C, Goswami N, Leitzmann C, Fredriksen PM, Ruedl G, Lima RA, Kessler C, Jeitler M, Khan NA, Joulaei H, Fatemi M, Kratky KW, Palmer KK, Haditsch B, Jakše B, Kofler W, Pfeiffer T, Cordova-Pozo KL, Tortella P, Straub S, Lynch H, Schätzer M, Krishnan A, Fathima S, Gatterer L, Kriwan F, Abhishek M, Nandgaonkar H, Nandgaonkar S, Adedara AO, Haro JM, Rashidlamir A, Thangavelu M, Ngoumou G, Perpék É, Klaper M, Bhattacharya B, Kirschner W, Bessems KMHH, Jones P, Peoples G, Bescos R, Duftner C, Seifert G. Conquering today’s health paradox with the power of HEAL – an expert consensus report plus research priorities and policymaker roadmap. Frontiers in Public Health 2026, Vol 14:1695757. doi: 10.3389/fpubh.2026.1695757.
Wirnitzer KC, Motevalli M, Tanous DR, Drenowatz C, Moser M, Cramer H, Rosemann T, Wagner K-H, Michalsen A, Knechtle B, Fras Z, Ritskes-Hoitinga M, Marques A, Mis NF, Stanford FC, Schubert C, Goswami N, Leitzmann C, Fredriksen PM, Ruedl G, Wilflingseder D, Lima RA, Kessler C, Jeitler M, Khan NA, Joulaei H, Fatemi M, Knight A, Kratky KW, Palmer KK, Haditsch B, Jakse B, Kofler W, Pfeiffer T, Cordova-Pozo K, Tortella P, Straub S, Lynch H, Schätzer M, Krishnan A, Fathima A. S, Gatterer L, Kriwan F, Abhishek M, Nandgaonkar H, Nandgaonkar S, Adedara AO, Haro JM, Gericke C, Neumann G, Akhtar A, Rashidlamir A, Thangavelu M, Ngoumou GB, Perpék É, Klaper M, Bhattacharya B, Kirschner W, Bessems KMHH, Jones P, Peoples G, Bescos R, Duftner C, Seifert G. Toward a roadmap for addressing today’s health dilemma–The 101-statement consensus report. Frontiers in Nutrition 2025, Vol 12:1676080. doi: 10.3389/fnut.2025.1676080.




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