• Juliana Bhardwaj

Was bringt Ernährungsbildung bei Jugendlichen?

Aktualisiert: 9. Juni

Science News 17: Zusammenhänge zwischen Ernährungsbildung, -wissen und -verhalten bei Jugendlichen.


Die Inzidenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Jahrzehnten weltweit stark gestiegen. Aufgrund der mit Übergewicht einhergehenden Komorbiditäten und den massiven Auswirkungen auf das Gesundheitssystem stellen Übergewicht und Adipositas aktuell in vielen Ländern, darunter auch Österreich, eine der größten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit dar.


Zahlreiche Studien in verschiedenen Ländern zeigten, dass Ernährungsempfehlungen von der Mehrheit der Kinder nicht eingehalten werden. Während die empfohlenen Mengen an z. B. Obst und Gemüse deutlich unterschritten werden, zeigt sich z. B. bei Fleisch und Zucker ein zu hoher Konsum. Der erhöhte Konsum von Zucker, Salz und bestimmten Fetten bei gleichzeitig mangelhafter Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen stellt im Hinblick auf ein höheres Risiko für die Entstehung diverser Erkrankungen ein Problem dar.


Da Ernährungsgewohnheiten schon früh im Leben entstehen und meist bis ins Erwachsenenalter beibehalten werden, sind Kindheit und Jugend eine entscheidende Zeit zur Entwicklung eines gesundheitsfördernden Essverhaltens. Studien zeigen, dass neben weiteren Faktoren, die eine Rolle bei der Prägung bestimmter Ernährungsmuster sowie bei der Entstehung von Übergewicht spielen, das Ernährungswissen bei Kindern und Jugendlichen einen Einfluss auf deren Ernährungs-gewohnheiten hat. Ein mangelhaftes Ernährungswissen wird dabei mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Übergewicht und Adipositas in Verbindung gebracht.


Laut Forschungsergebnissen kann Ernährungsunterricht zu einem gesünderen Ernährungsverhalten von Schulkindern führen. Er soll die Kinder dazu befähigen eine gesunde Lebensmittelauswahl treffen zu können und so ein gesundheitsförderndes Essverhalten zu entwickeln. In Österreichs Schulen findet ein solcher Unterricht aber nur selten regelmäßig statt. Das Thema Ernährung wird meist nur im Rahmen anderer Unterrichtsfächer oder von temporären Projekten behandelt.


Ziel der gegenwärtigen Studie war es, Zusammenhänge zwischen der Quantität von Ernährungs-unterricht, der Qualifikation der Lehrenden, dem Ernährungswissen sowie letztendlich dem Ernährungsverhalten von Schüler*innen zu untersuchen.


Methode

In Form einer Querschnittsstudie wurden soziodemografische Daten, der sozioökonomische Status, anthropometrische Daten, körperliche Fitness, Ernährungswissen und Essgewohnheiten von 513 Schüler*innen der achten Klasse aus 16 per Zufall ausgewählten Neuen Mittelschulen (davon 6 in städtischen und 10 in ländlichen Regionen) in Tirol erhoben. Das Durchschnittsalter der Schüler*innen betrug 14,2 Jahre (SD 0,7), das Geschlechterverhältnis war mit 51 % Buben und 49 % Mädchen in etwa ausgeglichen.


Die Daten wurden in Form eines Fragebogens, der von den Schüler*innen im Beisein und mit Unterstützung von Diätolog*innen und Ernährungswissenschafter*innen ausgefüllt wurde, erhoben.

Das Erhebungsinstrument umfasste Fragen zum Unterrichtsfach „Ernährung und Haushalt“ (Stundenanzahl pro Woche und Schuljahr, Qualifikation der Lehrkräfte für das Fach, persönliche Bedeutung dieses Unterrichts für die Schüler*innen) sowie eine Frage nach der Anzahl der Sportstunden. Weiters wurden soziodemografische und sozioökonomische Daten der Schüler*innen erhoben. Darüber hinaus wurden die körperliche Fitness sowie das Ernährungswissen abgefragt und ein semiquantitativer FFQ eingesetzt. Für alle Fragestellungen wurden validierte Fragebögen und Methoden, die sich bereits in früheren Studien bewährt hatten, angewandt. Des Weiteren wurden von den Diätolog*innen und Ernährungswissenschafter*innen Messungen der Körpergröße, des Körpergewichts und des Taillenumfangs der Schüler*innen durchgeführt.


Mittels multipler linearer und logistischer Regressionsmodelle wurden Zusammenhänge zwischen demografischen Merkmalen, der Anzahl der Ernährungs- und Sportstunden, der Qualifikation der Lehrkräfte, dem Ernährungswissen und dem Lebensstil und Ernährungsverhalten der Schüler*innen untersucht.


Ergebnisse

Es konnten unter anderem signifikante Zusammenhänge zwischen dem Besuch einer ländlichen Schule (P = 0,001), einem guten Bewegungsverhalten (P = 0,040) sowie einer höheren Stundenzahl an Ernährungsunterricht (P = 0,013) und einem besseren Ernährungswissen gezeigt werden, wohingegen eine höhere Qualifikation der Lehrkräfte nicht in einem höheren Ernährungswissen der Schüler*innen resultierte.


Mehr Ernährungsbildung in Form von mehr Unterrichtseinheiten war signifikant mit einem höheren Konsum von dunklem (Vollkorn-) Brot und einem geringeren Konsum von Fleisch und Energydrinks assoziiert. Des Weiteren wurden Zusammenhänge zwischen einem höheren Ernährungswissen und einem höheren Konsum von Gemüse und pflanzlichen Ölen sowie einem geringeren Konsum von Fleisch gefunden.


Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Studie untermauern die Annahme, dass mehr Ernährungsunterricht zu mehr Ernährungswissen und einer höheren Ernährungskompetenz führt. Diese Faktoren fördern wiederum die Entwicklung eines gesundheitsfördernden Ernährungsverhaltens. Im Hinblick auf die zunehmende Prävalenz ernährungsbedingter Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen kann schulische Ernährungsbildung als präventive Maßnahme zur Steigerung der Ernährungskompetenz und damit zur Reduzierung der Erkrankungshäufigkeit im späteren Leben gesehen werden.



Quelle:

Egg S, Wakolbinger M, Reisser A, Schätzer M, Wild B, Rust P. Relationship between nutrition knowledge, education and other determinants of food intake and lifestyle habits among adolescents from urban and rural secondary schools in Tyrol, Western Austria. Public Health Nutr. 2020 Dec; 23(17):3136-3147. doi: 10.1017/S1368980020000488. Epub 2020 Jul 17. PMID: 32677602; PMCID: PMC7708993. Publikation >>


Zitierung:

SIPCAN, Zusammenhänge zwischen Ernährungsbildung, -wissen und -verhalten bei Jugendlichen. SIPCAN Science News 2022, Mai; 17.


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